RESERVOIR V - AEROTEKTURA
FÖRDERBAND Kulturinitiative Berlin e.V., im Januar 1990 von Künstlern wie Christa Wolf,
Fritz Cremer, Heiner Müller, Christoph Hein gegründet, hat in den 11 Jahren seiner Existenz
viele Projekte wie z. B. Kulturbrauerei, Pfefferberg, ACUD, Tacheles u.a. mit auf den Weg
gebracht.
RESERVOIR ist ein Projekt des FÖRDERBAND Kulturbüros in den beiden Wasserspeichern von
Prenzlauer Berg. Im Rahmen der Projektreihe RESERVOIR werden bildende Künstler, Musiker und
darstellende Künstler eingeladen, Werke zu schaffen, die sich originär mit der Architektur
des unterirdischen Industriedenkmals und einem vorgegebenen Thema auseinandersetzen.
RESERVOIR III - AQUATEKTURA begann 1999 damit, die vier Elemente Wasser, Erde, Feuer und Luft
zu untersuchen, ging auf den ursprünglichen Zweck der ältesten Wasserversorgungsanlage Berlins
ein und thematisierte Wasser zwischen Mythos und Funktion.
Bei RESERVOIR IV - TERRATEKTURA
widmeten sich die unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen dem Element Erde als einer der
grundlegenden Kräfte des Universums und als Begriff für unseren Planeten.
RESERVOIR V - AEROTEKTURA setzt sich mit der Luft als leichtestem und schwer fassbarem
Element auseinander. Luft - Inbegriff für Entgrenzung - erfährt hier spürbare Begrenzung.
Luft, das feinstofflichste Element, ist lebensnotwendig. Aber ist es auch darstellbar?
Eigentlich kann man Luft nur spüren, vor allem als Mangel, als Verunreinigung, als Luft
bewegung. Für die Künstler eine schwierige Situation, etwas sichtbar werden zu lassen, was
nicht zu sehen ist. Sie haben zwischen zwei Strategien gewählt. Zum einen zeigen sie die
Auswirkungen von Luftzirkulationen, zum anderen arbeiten sie mit Metaphern und (Sinn)Bildern.
Ihre zweite Herausforderung ist die Auseinandersetzung mit der unterirdischen Architektur,
durch die ihr Gegenstand Begrenzung erfährt. In den konzentrisch angelegten Kreisen haben die
Künstler verschiedene Interpretationen zum Phänomen AERO gefunden - der Besucher kann in ein
Labyrinth unterschiedlicher Erfahrungsräume eintauchen.
Im äußersten Ring bestückt Sergej Dott spielerisch-makaber sieben Kammern mit Szenarien
der Luftbedrohung. Da kämpfen Vögel gegen Windböen an, ein Fisch strandet im Sturm, ein Föhn
bedroht eine Alpenlandschaft, Fallschirmspringer stürzen herab, ein Giftgaskrieg tobt in einer
Spielzeugstadt ...
Anette Munk zeigt neben einem riesigen verrosteten Wasserrohr 220 Fotografien von
"Luftröhren". Schwarze Löcher, die in ihrer engen Reihung und Vielfalt ein bedrohlich-skurriles
Kompendium unserer täglichen Luftverschmutzung abgeben.
Einige Schritte weiter scheint es fast so, als atme dort ein unterirdisches farbloses Tier.
Vor uns bauen sich plötzlich die Luftskulpturen von Cyrill Tobias auf, die aufgebäumt,
ihre eigentliche Plastizität sichtbar werden lassen, um dann bei Luftentzug erschöpft in sich
zusammen zu fallen.
Im zweiten Ring beschäftigen sich zwei Künstler mit dem Illusionären.
Herbert Eugen Wiegand benutzt das sehr leichte und luftige Styropor als Material, um
ein "Luftschloß" zu bauen. Das helle Weiß und die scheinbar lapidare Anordnung der "Bausteine",
die teilweise gegeneinander verspiegelt sind, verleihen dem Ganzen eine unwirkliche Instabilität
, wie es Luftschlösser so an sich haben.
Bjarne v. H.H. Solberg sieht den Erdball als Lügentheater. Auf dem Grund von Wasserfässern
geben Diktatoren ihren nicht enden wollenden Sermon in Form von Luftblasen wieder. Die Szenerie
ist grell beleuchtet und ein ständiges Blubbern und Brodeln lässt die Welt als ungemütlichen
Ort erscheinen.
Das Element Luft eignet sich am ehesten für die Bezeichnung des Unsichtbaren, des nicht Faßbaren.
So war der Himmel in allen Kulturen der Sitz der Gottheiten und wurde zeitweise sogar als
fünftes Element Äther bezeichnet. Dort an den Orten des Lichts und der Sehnsucht hat
Azade Köker ihre im Dunstschleier schwebenden Amphoren angesiedelt.
Floriane Tissières spielt auf die Sage von Ikarus an, der sich mit selbst gebauten
Flügeln aus Knossos in die Lüfte erhob. Eine Vielzahl von Spiegeln irritieren den Betrachter,
der beim Hineinblicken der Illusion erliegt, durch die Wand zu schauen und um so stärker das
Labyrinthische des Ortes erfährt.
Gisela Genthner hingegen läßt ein blaues Firmament entstehen, das in seiner strengen
strahlenförmigen Anordnung an geheimnisvolle Koordinaten denken läßt, deren Bestimmung uns
verschlossen bleibt.
Der sich ständig verändernde Luftdruck hat als Wetter die verschiedensten Erscheinungsformen.
Bei Liz Mields-Kratochwil durchschreitet man eine bleierne Nebelwand - eine Verbindung
von Wasser und Luft, die sich schwer in den Weg schiebt und ihn nur widerstrebend frei gibt.
Im Kern der Kreise wird unsere Wahrnehmung verwirrt. Matthias Brunner und Philipp Pape
lassen aus dem senkrechten Wandkreis Halme wachsen, die von feinem Wind-hauch berührt, ein
absurdes Eigenleben führen.
Alle Ringe durchschneidet eine Versuchsanordnung von Monique Thomaes, die ein
durchsichtiges Röhrensystem geschaffen hat, in dem man beobachten kann, wie scheinbar warme
Luft angesaugt und kalte Luft ausgestossen wird.
Von der Klanginstallation Torsten Anders', deren Schall (Luftdruckschwingung) die
ungewöhnliche Raumakustik des kreisförmig angelegten Wasserspeichers bewusst erleben lässt,
werden alle Environments berührt. Die gesamte Architektur ist ein Musikinstrument. In ihm
befindet sich der Besucher und erfährt je nach Standpunkt das Echo in seinen unterschiedlichen
Nachhallzeiten und Überlagerungen anders.
Kuratorin Barbara Rüth
Stand: 20.06.2001
Fotos: gezett foto mailto:foto@gezett.de
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