behaust - unbehaust


Installationen aus Licht, Klang und Gebautem

12 bildende Künstlerinnen und Künstler haben in Auseinandersetzung mit dem kalten unterirdischen Gewölbebau Installationen geschaffen, die sich mit der materiellen und mentalen Spannbreite von Behaust- und Unbehaustsein beschäftigen. Sie haben hautnah erfahren, was es heißt, einen unwirtlichen Ort zu besetzen und ihren Kunstwerken eine Heimatstatt zu geben. Mit dem Aufbau ihrer Arbeiten wurde aus dem leeren Wasserspeicher für sechs Wochen ein "Haus" für die Kunst. Mit Sprach- und Klanginstallationen, Lichtobjekten, Diaprojektionen, Wandzeichnungen und gebauten Unterkünften werden existenzielle Fragen nach der inneren und äußeren Verfasstheit des Individuums reflektiert.

Kammergang
links
Till Ansgar Baumhauer "Scheinschutz I-III" Till Ansgar Baumhauer nimmt Bezug auf die Geschichte des Wasserspeichers und seine unterschiedlichen Nutzungen. Er baute drei Räume in den linken Kammergang, die dem Besucher vermeintlichen Schutz bieten sollen. Die Einbauten sind von Dämm-Material umgeben, das Lärm, Feuchtigkeit und Kälte abschirmen soll. Die scheinbar äußerliche Bedrohung wird durch Geräusche simuliert. Im isolierten Innenraum kann man die Ambivalenz von Geschützt-, Bedroht- und Eingesperrtsein nachempfinden.
rechts
Richard Schütz und David Sanchez "still" Für Richard Schütz und David Sánchez steht das untergründige, labyrinthische Gefüge des Wasserspeichers als Analogie für die Verfaßtheit einer isolierten Existenz, die sich in den zitierten Texten von Samuel Becketts „Stirring Still“ als eingesperrt wie ausgesetzt empfindet. Die Dia-Klanginstallation ist in zehn Kammern spiegelbildlich zu erfahren. Drei automatisierte, monologisierende Stimmen korrespondieren mit computergenerierten Körperbildern, die an die Wände und in die Durchgänge projiziert werden.

1.Ring
links
Susanne Kutter „Herrn Oleanders großer Auftritt“ von Susanne Kutter thematisiert die Zerbrechlichkeit der häuslichen Idylle. In ihren Arbeiten bringt sie die vermeintliche Sicherheit und Ordnung ins Wanken. In dem rauhen Ambiente des Wasserspeichers stolpert man über ein Interieur privaten Wohnens. Es wurde von der Künstlerin aus großer Höhe wie ein Anker abgeworfen. Der Kronleuchter liegt nun gestrandet, zerschmettert und in viele Einzelteile und Kristalle zerbrochen auf dem Boden. Nur noch ein paar erhalten gebliebene Lampen beleuchten die einstige Pracht.
Mitte
Paul Baartmans „tu casa is mi casa“ von Paul Baartmans verweist auf die biblische Geschichte von der Jacobsleiter. Als Jacob auf der Flucht war, erschien ihm im Traum eine Himmelsleiter als Verheißung, dass er dieses Land dereinst mit seinen Nachkommen besiedeln würde. Eine Metapher für all jene, die auf der Suche nach einem Ort des Bleibens sind. Im Wasserspeicher reicht die Leiter bis hoch an die Decke. An- und ausgehende Lampen an den Sprossen signalisieren ein ständiges Auf und Ab. Texte aus der Bibel und anderer Literatur werden hörbar, die von Eroberern und Tyrannen, von Landnahme und territorialen Ansprüchen erzählen.
rechts
Martin Kaltwasser und Folke Köbberling „Baustoffzentrum“ Martin Kaltwasser und Folke Köbberling errichteten ein „Logistikzentrum“ und Depot für den illegalen Häuserbau. Die Künstler trugen weggeworfenes Baumaterial zusammen, schichteten und sortierten die ausgedienten Stücke wie in einem professionellen Baumarkt. Dieses Environment unterliegt permanenter Veränderung. So nutzen sie einen Teil für den Aufbau einer informellen Siedlung am Rande der Gropiusstadt. Sie beziehen sich dabei auf die selbstorganisierten Hausbauten am Rande der Megapolen und fragen nach Formen öffentlichen Lebens jenseits der kapitalistischen Verwertung.

2. Ring
links
Bababara Lorenz Höfer „...man kann nicht bleiben, wo man ist“ Barbara Lorenz Höfer reflektiert mit ihrer Schwarzlichtinstallation das Schicksal von Migranten. „Das Vergessenwollen verlängert das Exil." Die Erinnerung ist die Chance, der Entwurzelung zu entgehen und für die Zukunft offen zu sein. Die Künstlerin lagert erstarrte Körperhüllen bar jeder Identität auf dem Boden, die optisch mit ihren "Erinnerungsspeichern" verbunden sind. Die magisch anmutende Konstellation steht für Verlorenheit und Verletzbarkeit des Menschen.
rechts
Alexandra Karrasch „beginningless“ Alexandra Karrasch verspannt ein Segment des Ringes mit einem Drahtgeflecht, das nicht zu betreten ist. Der konkrete Raum wird durch ein feines goldfarbenes Gespinst überlagert und damit in einen unwirklichen Schwebezustand versetzt. Er erfährt so eine unerwartete Verfremdung.

3. Ring
links
Matthias Stuchtey "Im Garten" Matthias Stuchtey lässt eine Vielzahl von kleinen stilisierten Wohnwagen von der Decke hängen. Die Karawane der Mobiles baut sich auf wie ein nicht enden wollender Strom von Fahrenden. Der Besucher steht vor der Frage, ob er respektvoll vor der Installation verharren oder eindringen soll und so zum Störfaktor des Verkehrsflussewird. Ein Kommentar zur Mobilität der Wohlhabenden und zur Sehnsucht der Touristen nach dem Fremdem und Nomadentum.
rechts
beate maria wörz "... nichts als einen bewohnbaren Ort..." beate maria wörz stellt eine puristische weiße Skulptur in den Raum, die irritiert, weil das narrative Element einer Bank in sie gesetzt wurde. Mit der Grundfläche von 6 qm nimmt die Künstlerin Bezug auf das Minimum an Wohnfläche, welches einem Wohnungslosen bei Heimunterbringung zur Verfügung steht. Sie lädt ein, die Schwelle zu überschreiten, um in dem fragilen Hausgerüst Platz zu nehmen und der Frage nach der materiellen und mentalen Qualität der Behausung nachzugehen.

Mittelring
Pia Linz „Blickfeldprojektion“ und „Gehäusegravur Atelier“ Pia Linz zeichnet mit Kreide eine monumentale Körpervervielfältigung auf die rote Backsteinwand. Sie untersucht das Verhältnis von innerer zu äußerer Wahrnehmung. Aus der Subjektperspektive finden bei der Selbstprojektion Sprengungen von Kopf und Raum statt. Selbstentgrenzung und Weltbehaustheit in ihrer Synchronität darstellbar zu machen, ist Anliegen der Künstlerin. Die zweite Arbeit ist eine Plexiglasskulptur mit Gravur. Die Zeichnungen sind entstanden, indem die Künstlerin sich in dem Glashaus eingeschlossen hat und von dort aus ihre unmittelbare Umgebung von innen nach außen auf die Glasscheiben gezeichnet und graviert hat.

Kuratorin: Barbara Rüth

Fr, 17.6. - So, 31.7., Di - So 15 - 17 Uhr

Großer Wasserspeicher, Eingang Belforter Straße
Eintritt: 3 Euro / 2 Euro (ermäßigt)