Zwölf Ringparabeln
Im Wasserspeicher von Prenzlauer Berg geht es Künstlern ums "Unbehauste"
Ingeborg Ruthe

Bloß den Pullover nicht vergessen. Mag draußen die Sonne heizen - drinnen, in den fünf konzentrischen Ringen des Großen Wasserspeichers von Prenzlauer Berg, ist es eisig und klamm. Selbst die Lämpchen einer Himmelsleiter glimmen kalt - und verlöschen. Wie Irrlichter. Wie Versprechen, die niemand einlösen wird.Zwölf bildende Künstler ließen sich von Kulturamt Pankow und Förderband e.V. einladen und bauten in den unterirdischen Gängen Installationen zum Thema "behaust-unbehaust" auf. Das Begriffspaar dient ihnen und ihrer Kuratorin Barbara Rüth als Parabel für die globalisierte Welt voller sozialer Polarisierungen und Konflikte: Eine Behausung zu haben wird für Millionen Menschen zur Existenzfrage. Unbehaust zu sein, erscheint als Verurteilung. Ein Teufelskreis: Eine Behausung stiftet Identität; wer keine hat, ist ein Niemand.Radikal führt Till Ansgar Baumhauer das vor. Er baute drei kahle (Schutz)Kammern ins Ringsystem, die erste grellweiß mit Glühbirne, die zweite mit grauen, jedes Geräusch schluckenden Schaumgummilagen ausgekleidet, die dritte schwarz ausgepinselt. Geschützt fühlt der hierher Flüchtende sich nicht, eher eingesperrt. Zugleich bezieht der Bildhauer sich auf den Ort: Im Wasserspeicher wurden in der NS-Zeit Antifaschisten gefoltert.Auch der nächste Mauerring wird zur Spukstrecke. Auf die Wände haben Richard Schütz und David Sanches fledermaushafte Körperbilder projiziert. Aus Lautsprechern dringt ein kratziger Klangteppich, Sprachfetzen aus einem Samuel-Beckett-Text: "Stirrings Still" von 1988. Darin geht es um eine isolierte Existenz, um Eingesperrt- und Ausgesetzt-Sein, ums Zuflucht-Suchen im Verloren-Sein, auch im Enigmatischen. Viel weniger rätselhaft führt Susanne Kuttner vor, wie zerbrechlich Harmonie und Idylle sind, wie rasch Ordnung und Geborgenheit zu Bruch gehen können. Ein Kronleuchter liegt zerschellt am Boden. Von da gelangt man zu einer käfigartigen Holzskulptur von sechs Quadratmetern, darin eine Bank. Beate Maria Wörz verweist so auf jenes Minimum Fläche, das einem Obdachlosen im Asyl zusteht. Für einen deutschen Schäferhund schreibt der Tierschutz einen 12-Quadratmeter großen Zwinger vor.Und so kommt in dieser streng raumbezogenen, ernsthaften Ausstellung befreiende Ironie ins Spiel, auch wenn Martin Kaltwasser und Folke Köbberling ein ganzes "Baustoffzentrum" aus Holzpaletten, Balken und Brettern in einen der Ringe stellten: Ein gut sortiertes Depot für den illegalen Häuserbau, geplant für einen Berliner Problemkiez, dessen Bewohnern die Zwangsräumung droht - die Gropiusstadt. Noch einen Deut bissiger wird Matthias Stuchtey. Seine Karawane von an dünnen Seilen vom Speichergewölbe herabhängenden Kunststoff-Wohnwagen erzählen von der paradoxen Sehnsucht der Gutbehausten und Wohlhabenden nach Fremde und Nomadentum. Die schwebenden weißen Touristenmobile werden im Speicherring zum Verkehrshindernis. Man würde sie gern alle beiseite schieben.
Reservoirs IX. Großer Wasserspeicher, Eingang Belforter Straße, bis 31. Juli, Di-So 15-21 Uhr.
Theater-Infos für den (beheizten!) Kleinen Speicher über das Förderband-Telefon: 28 59 97 37.

Berliner Zeitung Online 21. Juni 2005